
Warum „Financial Therapy for Men“ ein Meilenstein für Finanzpsychologie, Finanzberatung und Therapie ist
Eine Rezension von Monika Müller, Finanzpsychologin und Gründerin von FCM Finanz Coaching
Seit mehr als 25 Jahren beschäftige ich mich professionell mit der Frage, wie Geld unser Denken, Fühlen und Handeln prägt. Dabei zeigt sich immer wieder: Geld ist niemals nur Geld.
Es kann für Sicherheit, Freiheit, Erfolg, Anerkennung, Macht, Liebe oder Zugehörigkeit stehen. Es berührt unseren Selbstwert, unsere Beziehungen und unsere Vorstellungen davon, wer wir sind und wer wir sein sollten.
Dennoch wurde ein zentraler Aspekt bislang erstaunlich wenig untersucht: Welche Bedeutung haben männliche Sozialisation und männliche Identitätsvorstellungen für das Erleben von Geld?
Der 2026 erschienene Sammelband „Financial Therapy for Men – Navigating the Intersection of Masculinity and Financial Behavior in a Modern World“, herausgegeben von Prince Sarpong, widmet sich genau dieser Frage.
Soweit derzeit bibliografisch erkennbar, ist es das erste wissenschaftliche Sammelwerk, das Finanztherapie systematisch aus der Perspektive männlicher Sozialisation, Identität und Lebenswirklichkeit betrachtet. Der Verlag beschreibt es als Beitrag, der die bisher bestehende Lücke zwischen Männlichkeitsforschung und Financial Therapy schließen und konkrete Instrumente für den Umgang mit finanzieller Belastung bei Männern bereitstellen soll. (Springer Nature)
Für mich ist dieses Buch deshalb nicht nur eine Neuerscheinung. Es ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Finanzpsychologie.
Eine bislang übersehene Lücke
Financial Therapy verbindet Erkenntnisse aus Finanzplanung, Psychologie und Beziehungsarbeit. Bislang wurden Modelle der Financial Therapy jedoch meist geschlechtsneutral formuliert.
Das klingt zunächst gerecht. Doch geschlechtsneutral bedeutet nicht automatisch, dass unterschiedliche Lebenswirklichkeiten tatsächlich berücksichtigt werden.
Männer wurden zwar vielfach im Hinblick auf Risikobereitschaft, Selbstüberschätzung, Kontrolle und Anlageverhalten untersucht. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielt jedoch die Frage, wie Männer finanzielle Belastung emotional erleben, wie sie mit wirtschaftlichem Scheitern umgehen und welche inneren Konflikte zwischen Versorgerrolle, Macht, Verantwortung und Verletzlichkeit entstehen. Genau an dieser Stelle setzt das Buch an.
Dabei wird Männlichkeit weder als Problem noch als feststehende Eigenschaft betrachtet. Die Autorinnen und Autoren verstehen sie als kulturell, biografisch und sozial geprägte Identitätskonstruktion, die sich verändert und sehr unterschiedliche Formen annehmen kann.
Das ist eine wichtige Stärke des Buches: Es geht nicht darum, Männer zu diagnostizieren oder traditionelle Männlichkeit pauschal abzuwerten. Es geht darum, genauer hinzusehen.
Finanzielle Sozialisation beginnt früher, als wir glauben
Wie früh unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen entstehen, zeigt eine Untersuchung der schwedischen Finanzaufsicht Finansinspektionen.
Bereits ab einem Alter von drei Jahren besitzen Jungen häufiger Aktien als Mädchen. Das liegt selbstverständlich nicht an unterschiedlichen Anlageentscheidungen der Dreijährigen. Es zeigt vielmehr, dass Erwachsene schon für kleine Jungen und Mädchen unterschiedliche finanzielle Entscheidungen treffen. Mit drei Jahren sind – nach einer Bereinigung um den höheren Anteil männlicher Geburten – 52 Prozent der jungen Aktienbesitzenden Jungen. Mit 18 Jahren beträgt ihr Anteil bereits 55 Prozent. (Finansinspektionen)
Das finanzielle Gender-Gap beginnt damit nicht erst beim Gehalt, bei der Berufswahl oder beim Aufbau der Altersvorsorge. Es beginnt in der Familie, in frühen Zuschreibungen und in den Vorstellungen Erwachsener darüber, wem sie welche finanziellen Kompetenzen, Interessen und Chancen zutrauen.
Jungen lernen möglicherweise früh, Geld mit Eigenständigkeit, Risiko und Gestaltungsmacht zu verbinden. Gleichzeitig kann ihnen vermittelt werden, dass sie später finanziell erfolgreich, belastbar und unabhängig sein müssen.
Damit entstehen Chancen – aber auch erhebliche Belastungen.
Wenn finanzielle Stärke brüchig wird
Einer der wichtigsten Begriffe des Buches ist die von Prince Sarpong beschriebene „brittle financial health“, die sich etwa als brüchige oder spröde finanzielle Gesundheit übersetzen lässt.
Gemeint ist eine äußerlich stabile, kontrollierte und erfolgreiche finanzielle Identität, die innerlich jedoch wenig flexibel ist. Finanzielle Kontrolle und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit werden so eng mit dem Selbstwert verbunden, dass Fehler, Einkommensverluste oder Kontrollverlust nicht mehr nur als sachliches Problem erlebt werden. Sie bedrohen die Identität.
Bedrohte Identität
Ein Mann kann finanziell erfolgreich, beruflich leistungsfähig und gesellschaftlich anerkannt sein – und dennoch in ständiger Angst leben, nicht zu genügen. Das Eingeständnis von Unsicherheit würde dann nicht nur bedeuten: „Ich habe ein finanzielles Problem.“ Es kann innerlich bedeuten: „Ich bin gescheitert.“
Sarpong grenzt dieses Muster von bekannten Geldüberzeugungen und offen sichtbaren Geldstörungen ab. Die brüchige finanzielle Gesundheit zeigt sich gerade nicht unbedingt im offensichtlichen Zusammenbruch. Sie kann sich in Überfunktionieren, extremer Kontrolle, emotionalem Rückzug, permanenter Leistungsbereitschaft oder der Unfähigkeit ausdrücken, Verantwortung abzugeben.
Diese Perspektive halte ich für ausgesprochen wertvoll. Sie hilft uns, vermeintliche finanzielle Kompetenz nicht vorschnell mit psychischer und finanzieller Gesundheit gleichzusetzen.
Manchmal ist Kontrolle Ausdruck von Klarheit. Manchmal ist sie ein Schutz vor Angst.
Manchmal ist beruflicher Ehrgeiz Ausdruck von Freude und Gestaltungskraft. Manchmal dient er dazu, Scham, Unsicherheit oder das Gefühl eigener Unzulänglichkeit nicht spüren zu müssen.
Die Versorgerrolle: Verantwortung, Liebe und Selbstwert
Mehrere Kapitel beschäftigen sich mit der traditionellen Rolle des Mannes als finanzieller Versorger.
Diese Rolle ist im Wandel. In vielen Partnerschaften verdienen Frauen gleich viel oder mehr als ihre Partner. Sorgearbeit, Erwerbsarbeit und finanzielle Verantwortung werden neu verhandelt. Das schafft mehr Freiheit und gerechtere Möglichkeiten – kann jedoch auch alte Identitätskonstruktionen erschüttern.
Wer gelernt hat, seinen Wert vor allem über das Versorgen der Familie zu definieren, erlebt eine berufliche Krise oder ein geringeres Einkommen möglicherweise nicht nur als wirtschaftlichen Verlust. Es kann sich wie ein Verlust von Bedeutung, Autorität oder Liebenswürdigkeit anfühlen.
Das Buch zeigt überzeugend, dass Paarkonflikte über Geld deshalb selten nur durch einen besseren Haushaltsplan gelöst werden können. Hinter Auseinandersetzungen über Ausgaben, Investitionen oder Sparziele stehen häufig Fragen wie:
- Bin ich noch wichtig?
- Werde ich respektiert?
- Trage ich genug bei?
- Darf ich Schwäche zeigen?
- Kann ich Grenzen setzen, ohne als kontrollierend wahrgenommen zu werden?
Die Autor:innen plädieren dafür, Versorgung umfassender zu verstehen. Ein Mann kann nicht nur durch Einkommen versorgen, sondern auch durch Präsenz, Fürsorge, Beziehungsgestaltung, Erziehungsarbeit und emotionale Verantwortung. Finanzielle, praktische und emotionale Beiträge sollten in Partnerschaften sichtbar gemacht und gemeinsam bewertet werden.
Für Paarberatung und Finanzcoaching eröffnet dieser Gedanke wichtige neue Gesprächsräume.
Finanzstress ist selten nur ein Zahlenproblem
Besonders überzeugend sind die Kapitel, die finanzielle Belastung mit Körperreaktionen, Trauma und biografischen Erfahrungen verbinden.
Finanzieller Stress beginnt häufig im Körper: mit einem Druck im Brustkorb, einem angespannten Kiefer, einem flauen Gefühl beim Öffnen der Banking-App oder dem Impuls, einen Brief ungeöffnet wegzulegen.
Nach außen geht es vielleicht um eine Kreditkartenrechnung, einen Konflikt über Ausgaben oder eine nicht ausreichende Altersvorsorge. Innerlich können jedoch tiefere Überzeugungen aktiviert werden:
- Ich darf keine Fehler machen.
- Ich muss alles unter Kontrolle haben.
- Ich darf niemanden brauchen.
- Mein Wert entspricht meinem finanziellen Erfolg.
Das Buch macht deutlich, dass Vermeidung, Überarbeitung, Hyperkontrolle oder emotionaler Rückzug nicht einfach als Unvernunft oder mangelnde Disziplin verstanden werden sollten. Sie können Schutzstrategien sein, die einmal sinnvoll waren und sich später verselbstständigt haben.
Das bedeutet nicht, problematisches Verhalten zu entschuldigen. Es bedeutet, dessen Funktion zu verstehen. Erst dann kann nachhaltige Veränderung entstehen.
Finanzielle Traumata und die inneren Anteile
Mehrere Autor:innen nutzen das Modell der Internal Family Systems, kurz IFS. Es geht davon aus, dass Menschen unterschiedliche innere Anteile besitzen, die jeweils versuchen, sie zu schützen.
Im Zusammenhang mit Geld können sich beispielsweise ein Versorger, ein Antreiber, ein Kontrolleur, ein Vermeider oder ein ängstliches inneres Kind zeigen.
Der Antreiber will möglicherweise verhindern, dass die Familie jemals wieder Armut erlebt. Der Kontrolleur versucht, Sicherheit herzustellen. Der Vermeider schützt vor Scham. Ein verschwenderischer Anteil sucht vielleicht kurzfristig Freiheit oder Trost.
Diese Anteile sind nicht „falsch“. Sie verfolgen meist eine positive Absicht, auch wenn ihre Strategien inzwischen schädlich geworden sind.
Besonders eindrücklich ist das Beispiel eines wirtschaftlich sehr erfolgreichen Unternehmers, der trotz seines siebenstelligen Unternehmenswerts jeden Morgen Angst vor dem finanziellen Zusammenbruch hatte. Die Angst ließ sich auf eine Kindheitserinnerung zurückführen, in der seine Mutter ihren Ehering verpfänden musste, um die Miete zu bezahlen. Die finanzielle Gegenwart war sicher – sein inneres Erleben blieb jedoch in der Vergangenheit gebunden.
Solche Beispiele zeigen, weshalb finanzielle Bildung allein oft nicht ausreicht. Ein Mensch kann wissen, wie vernünftiges Verhalten aussehen müsste, und dennoch nicht danach handeln können.
Ein konkretes Modell für die Praxis
Mit dem FORGED-Modell stellt Alex Melkumian einen umfassenden Ansatz für die Financial Therapy mit Männern vor. Er verbindet psychologische Reflexion, Körperwahrnehmung, Traumaverständnis und konkrete Finanzplanung.
FORGED steht für:
- Foundations: Sicherheit und finanzielle Struktur herstellen
- Ownership: von Schuldzuweisung zu Selbstverantwortung gelangen
- Regulation: körperliche und emotionale Selbstregulation entwickeln
- Grief and Generational Patterns: Verluste und übernommene Geldmuster bearbeiten
- Efficacy: durch kleine Erfolge wieder Selbstvertrauen aufbauen
- Direction: Geldentscheidungen mit Werten und Lebenssinn verbinden
Der Ansatz beginnt bewusst nicht immer mit einer detaillierten Finanzanalyse. Bei einem Klienten, der seinen Kontostand nicht ansehen kann, kann die erste Intervention darin bestehen, wahrzunehmen, was allein beim Gedanken an das Konto körperlich und emotional geschieht.
Erst wenn ausreichend Sicherheit entstanden ist, werden Finanzübersichten, Sparpläne oder konkrete Verhaltensziele entwickelt. Geldverhalten wird dabei als Teil der Biografie verstanden: Jede Entscheidung über Sparen, Ausgeben, Vermeiden oder Kontrollieren erzählt etwas über Sicherheit, Wert, Macht, Liebe oder Zugehörigkeit.
Diese Verbindung von Struktur und psychologischer Bedeutung entspricht sehr stark meinem Verständnis von Finanzcoaching: Zahlen werden nicht ausgeblendet. Sie werden in die Lebensgeschichte des Menschen eingeordnet.
Einsamkeit, Erfolg und institutionelle Folgen
Bemerkenswert ist, dass das Buch nicht bei privaten Haushalten stehen bleibt.
Es untersucht auch die Einsamkeit erfolgreicher Männer und die Auswirkungen ungelöster innerer Konflikte auf Führung und Unternehmensentscheidungen. Leistung, Selbstständigkeit und emotionale Zurückhaltung können beruflichen Erfolg fördern. Sie können jedoch zugleich Nähe, Kooperation und die Fähigkeit erschweren, Unsicherheit gemeinsam zu tragen.
Das Buch beschreibt Einsamkeit deshalb nicht nur als privates Problem. Sie beeinflusst Gesundheit, Beziehungen und finanzielle Entscheidungen. Hinter Arbeitssucht, Risikoverhalten oder scheinbar rein sachlichen Konflikten kann ein tiefer Mangel an Verbindung und Zugehörigkeit liegen.
Besonders innovativ ist Sarpongs Konzept der Institutional Financial Therapy. Es richtet den Blick auf Führungskräfte, deren unreflektierte Vorstellungen von Kontrolle, Stärke und Erfolg in Investitionsentscheidungen, Unternehmenskulturen und Risikosysteme einfließen können.
Emotionale Muster bleiben nicht privat, wenn ein Mensch über erhebliche Ressourcen und institutionelle Macht verfügt. Sie können sich vergrößern und auf Mitarbeitende, Unternehmen und Märkte auswirken. Sarpong versteht Financial Therapy auf dieser Ebene nicht als Behandlung von Führungskräften, sondern als eine Art Weiterentwicklung der Governance: Institutionen sollen Strukturen schaffen, die emotionale Verzerrungen in strategischen Entscheidungen frühzeitig erkennen.
Hier öffnet das Buch ein Forschungs- und Praxisfeld, das weit über die klassische Arbeit mit Privatkund:innen hinausreicht.
Was bedeutet das für die Praxis?
Für Finanzplaner:innen und Finanzberater:innen bietet das Buch eine wichtige Erweiterung ihres Blicks. Rückzug, übermäßige Kontrolle, Risikofreude oder Widerstand sind nicht automatisch mangelnde Kooperation. Sie können Ausdruck von Scham, Identitätsbedrohung oder früheren finanziellen Erfahrungen sein.
Für Finanzcoaches liefert der Band zahlreiche Impulse: Geldbiografien, narrative Fragen, Wertearbeit, Körperwahrnehmung, Metaphern, innere Anteile und familienbezogene Geldmuster. Gleichzeitig erinnert er daran, die Grenzen der eigenen Qualifikation zu beachten und bei traumatischen oder psychischen Belastungen interdisziplinär zu kooperieren.
Für Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen zeigt das Buch, wie wichtig es ist, Geld aktiv in die Anamnese und therapeutische Arbeit einzubeziehen. Geldprobleme sind nicht lediglich äußere Stressoren. Sie können eng mit Bindung, Selbstwert, Scham, Trauma und familiären Loyalitäten verbunden sein.
Für Sozialarbeiter:innen und Beratungsstellen ist besonders der Blick auf Zugangsbarrieren bedeutsam. Hilfsangebote setzen häufig voraus, dass Menschen ihre Not offen benennen und Unterstützung aktiv suchen. Gerade Männer, die Selbstständigkeit und Kontrolle stark verinnerlicht haben, werden dadurch möglicherweise nicht erreicht. Das Buch empfiehlt deshalb niedrigschwellige Zugänge, eine würdige Sprache und Angebote, die Unterstützung nicht als Beleg des Scheiterns, sondern als Schritt zu neuer Handlungsfähigkeit darstellen.
Meine kritische Einordnung
So wegweisend das Buch ist, so wichtig ist eine differenzierte Betrachtung.
Es handelt sich um einen Sammelband. Die Kapitel unterscheiden sich deshalb deutlich in Sprache, wissenschaftlicher Tiefe und methodischer Fundierung. Einige Beiträge beruhen auf empirischen Studien, andere auf theoretischen Überlegungen, Praxiserfahrungen oder persönlichen Berichten. Das wird bereits im Vorwort transparent benannt.
Gerade die neu entwickelten Modelle sind fachlich anregend und häufig unmittelbar anschlussfähig. Sie sind jedoch nicht durchgängig als eigenständige Verfahren empirisch validiert. Leser:innen sollten deshalb zwischen gut belegten Forschungsergebnissen, überzeugenden theoretischen Modellen und ersten Praxisentwürfen unterscheiden.
Viele Beispiele und institutionelle Bezüge stammen aus den USA, Australien oder Südafrika. Themen wie Hautfarbe, kulturelle Zugehörigkeit, soziale Ungleichheit und historische Diskriminierung werden differenziert behandelt. Nicht jede Schlussfolgerung lässt sich jedoch unmittelbar auf Deutschland und Europa übertragen.
Auch sprachlich ist das englischsprachige Fachbuch anspruchsvoll. Einige Kapitel sind sehr dicht geschrieben, und manche Argumentationen wiederholen sich. Wer eine leicht zugängliche Einführung oder einen kompakten Methodenleitfaden erwartet, wird Geduld benötigen.
Einzelne Passagen zur gesellschaftlichen Debatte über Männlichkeit sind bewusst provokativ. Gerade das kann jedoch produktiv sein. Das Buch zwingt dazu, lieb gewonnene Erklärungen zu überprüfen und gleichzeitig zwei Wahrheiten auszuhalten: Männer können von gesellschaftlichen Machtstrukturen profitieren – und andere Männer können dennoch unter rigiden Rollenbildern, finanzieller Scham und fehlender Anerkennung leiden. Das eine hebt das andere nicht auf.
Mein Fazit
„Financial Therapy for Men“ ist für mich ein Meilenstein der Finanzpsychologie.
Das Buch macht sichtbar, dass männliches Geldverhalten weder durch Biologie noch durch einfache Stereotype erklärt werden kann. Es entsteht im Zusammenspiel von früher Sozialisation, Familie, Kultur, Partnerschaft, gesellschaftlichen Erwartungen, persönlichen Erfahrungen und wirtschaftlichen Bedingungen.
Sein wichtigster Beitrag besteht darin, männliche Verhaltensweisen nicht vorschnell als Dominanz, Unvernunft oder mangelnde Emotionalität zu bewerten. Das Buch fragt stattdessen:
- Welche Geschichte erzählt dieses Verhalten?
- Welche Funktion erfüllt es?
- Wovor schützt es?
- Und welche neue Form von finanzieller Sicherheit, Verantwortung und Identität könnte entstehen?
Nicht jeder Mann ist ein Versorger. Nicht jeder Mann ist risikofreudig, kontrollierend oder emotional zurückhaltend. Männer bilden keine homogene Gruppe. Gerade deshalb brauchen wir eine Perspektive, die Geschlecht berücksichtigt, ohne den einzelnen Menschen auf sein Geschlecht zu reduzieren.
Für Finanzplaner:innen, Finanzberater:innen und Finanzcoaches ist dieses Buch eine klare Leseempfehlung. Es hilft, hinter Zahlen und Verhaltensweisen den Menschen zu erkennen. Für Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen und Sozialarbeiter:innen eröffnet es einen Zugang zu einem Lebensbereich, der in Ausbildung und Praxis noch immer zu wenig Beachtung findet. Und für Forschung, Lehre und Verbände ist es eine Einladung, Finanzpsychologie nicht länger als Randthema zu behandeln.
Denn sobald Geld in den Raum kommt, verändert sich etwas. Es berührt unser Gefühl von Freiheit oder Sicherheit, unseren Selbstwert, unsere Verantwortung und unsere Beziehungen.
Bei Männern berührt es häufig auch die Frage: Bin ich genug?
„Financial Therapy for Men“ zeigt, wie wir als Profis diese Frage hören können – selbst dann, wenn sie hinter Leistung, Schweigen oder Kontrolle verborgen bleibt.
Wer jetzt sein Interesse spürt - einfach hier den: Sammelband bestellen