Zeitgeist - zwischen Finanztherapie und Kapitalismuskritik

Inflation, Energiepreisansturm und der Krieg in der Ukraine haben bei vielen Menschen schon erste Spuren hinterlassen. Brauchen wir eine Finanztherapie oder mehr Verständnis für Kapitalismus mit all seinen Chancen und Herausforderungen?

FCM Blog

 

Journalisten sind aufgewühlt, suchen nach Themen, die der aktuellen Situation gerecht werden. Sie werden in USA fündig. Dort gibt es eine Financial Therapy Association. Finanzielle Gesundheit ist nicht nur das Anliegen dieser Organisation, sondern auch die Vision von FCM seit nunmehr über 20 Jahren. Doch was ist das?

Das US-Büro des finanziellen Verbraucherschutzes (CFPB) definiert finanzielles Wohlbefinden wie folgt:

„Finanzielles Wohlbefinden kann als ein Zustand definiert werden, in dem eine Person ihren gegenwärtigen und laufenden finanziellen Verpflichtungen voll und ganz nachkommen kann, sich in ihrer finanziellen Zukunft sicher fühlen kann und in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, die es ihr ermöglichen, das Leben zu genießen.“

Verpflichtungen nachkommen, sich sicher fühlen und gute Entscheidungen treffen können. Das sind drei wichtige Säulen finanzieller Gesundheit.

Braucht es dazu gleich eine Finanztherapie? In der Frage der Gesundheit ist Prävention immer die erste und wichtigste Säule der Interventionen. Prävention beim Thema „Finanzen“ besteht darin, dass alle Menschen lernen, wie Geld psychodynamisch wirkt: Was löst Geld in uns aus? Wie beeinflusst die Wirkung von Geld unser (Finanzielles) Leben? Wer das versteht, kann sich selbst gesund erhalten. Ein Beispiel: Wer versteht, dass echte Freiheit bedeutet: „sich frei mit und ohne Geld fühlen können“, der wird sich in allen Lebenssituationen emanzipiert, wirkungsvoll und gesund verhalten. Wer dagegen im Unbewussten bleibt, der wird versuchen, viel Geld zu erwirtschaften, in der Hoffnung, dann, wenn er reich ist, frei und selbstbestimmt leben zu können. Auf dem Weg dorthin wird er sich jedoch ungesunden Zwängen am Arbeitsplatz oder in privaten Beziehungen unterwerfen, die ihn physisch und oder psychisch krank machen können.

Prävention finanzieller Gesundheit beginnt bei der Erkenntnis, dass Geld eine psychoaktive Substanz ist, die wir zwar nicht einnehmen, die jedoch ähnlich wie ein Glas Wein oder Bier Veränderungen im Gehirn, Emotionen und Handlungen auslöst. Geld müssen wir deshalb nicht aus unserem Leben verbannen, sondern wir können lernen, mit den emotionalen Reaktionen bewusst umzugehen. Indem wir uns neu entscheiden, befreien wir uns von unbewussten Zwängen und entwickeln bewusst gesunde Handlungsmöglichkeiten für Beruf und Privatleben.  

Psychotherapie ist nur dann nötig, wenn ein Mensch im Hinblick auf sein Erleben und Verhalten mit Geld keine Selbststeuerung mehr ausüben kann. Das sind Menschen, die zum Beispiel, ohne dass es gefordert ist, so viel Geld ausgeben (Konsum) oder riskant investieren (Lotto, Spielautomat, Börse etc.), dass sie in die Überschuldung geraten und dies nicht mal mehr wahrnehmen können. Oder auch Menschen, die durch ein Beziehungstrauma (Betrug, finanzieller Missbrauch) in ein ähnliches Befinden gelangt sind. Dies bedeutet, sie sind in der „Leugnung“, sind nicht mehr handlungsfähig und definitionsgemäß in der ersten Phase einer psychischen Krise. Die Herausforderung besteht für diese Menschen darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden, in dem sie selbst wieder aktiv werden können, um sich psychotherapeutische Hilfe zu holen. Noch sind die gezielten Angebote von Finanzpsychologen dafür in deutschsprachigen Ländern überschaubar.

Wenn auf der individuellen Ebene mehr Bewusstsein zu Geld entsteht, kann auch das Wissen über Kapitalismus auf fruchtbaren Boden fallen. Denn dann sind Menschen bereit, eingefahrene Einstellungen „Kapitalismus ist gut oder schlecht“ zu hinterfragen, sich für neue Perspektiven zu öffnen und alte abzulegen.

Was würde es verändern? Schon in der Aufklärung haben Menschen durch Wissen, Sicherheit und Macht gewonnen und begonnen, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Wer um den Zusammenhang weiß, dass höhere Löhne den Wohlstand erst möglich gemacht haben, der kann vielleicht sein Gehalt besser verhandeln. Wer weiß, dass der Kapitalismus Wachstum braucht, ein starkes Schrumpfen der Wirtschaft (Beginn der Pandemie) in nur wenigen Wochen einen Kollaps auslösen wird, der kann einer Maßnahme, wie sie im zweiten Weltkrieg von England getroffen wurde: kontrolliertes Sparen zustimmen, ohne auf die Straße zu gehen. Warum wissen wir Bürger das nicht? Im besten Fall, weil weder Pädagogen noch Politik noch Journalisten sich dieser spannenden Details bewusst sind.

Beginnen Sie an der „Finanziellen Aufklärung“ mitzuwirken. Wer Teil unserer FCM-Community werden möchte, der kann sich mit mir auf Xing oder LinkedIn verbinden oder mir schreiben und seine Ideen einbringen.

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